Tourenplanung in der Alltagshilfe: Fahrzeit senken, Marge sichern
Tourenplanung heißt: die Klienteneinsätze eines Tages je Betreuungskraft in eine fahrbare Reihenfolge bringen. In der Alltagshilfe entscheidet sie über die Marge — denn die Pflegekasse erstattet über den Entlastungsbetrag (131 €/Monat, § 45b SGB XI, seit 01.01.2025) nur die Zeit beim Klienten, bezahlen müssen Sie Ihre Betreuungskräfte aber für jede Minute im Auto. Mit Musterrechnung, drei Cluster-Strategien und den Kennzahlen, an denen Sie gute Touren erkennen.
Das Wichtigste in Kürze
- 2.985 €
- kostet Fahrzeit im Modellbetrieb — pro Monat
- 5 Helfer, 30 % Fahrzeitanteil; Musterrechnung unten
- 68 %
- produktive Quote = Break-even im Modell
- 70–80 % sind mit guter Tourenplanung realistisch
- 131 €
- Entlastungsbetrag je Klient und Monat
- § 45b SGB XI, seit 01.01.2025 — nur Einsatzzeit, keine Fahrzeit
- 45 Min.
- weniger Fahrzeit je Tour durch Clustering
- im Tagesbeispiel: 4,75 statt 4,0 Std. beim Klienten
Was ist Tourenplanung in der Alltagshilfe?
Tourenplanung bezeichnet das Zusammenstellen der einzelnen Klienteneinsätze eines Tages zu einer sinnvollen Reihenfolge je Betreuungskraft — inklusive Fahrweg zwischen den Einsätzen. Der Begriff stammt aus der ambulanten Pflege („Tourenplanung Pflegedienst“), gilt aber genauso für nach § 45a SGB XI anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag: Ihre Helfer fahren von Klient zu Klient, und jede Minute auf der Straße ist Zeit, die nicht beim Klienten ankommt.
Wichtig ist die Abgrenzung zum Dienstplan: Der Dienstplan legt fest, wer wann arbeitet — Schichten, Verfügbarkeiten, Urlaub. Der Tourenplan verteilt die konkreten Einsätze auf die eingeteilten Betreuungskräfte und bringt sie in eine fahrbare Reihenfolge. Aus einem sauberen Dienstplan entsteht ein guter Tourenplan — nie umgekehrt.
Was Fahrzeit wirklich kostet
Die Ökonomie der Alltagshilfe ist asymmetrisch: Abgerechnet wird — meist über den Entlastungsbetrag nach § 45b SGB XI, 131 € pro Monat und Klient (seit 01.01.2025) — nur die Einsatzzeit beim Klienten. Die Fahrt dazwischen taucht auf keiner Rechnung auf, ist aber Arbeitszeit Ihrer Betreuungskräfte und wird voll bezahlt. Wie teuer das wird, zeigt ein Modellbetrieb mit fünf Teilzeit-Helfern:
Beispielrechnung
Musterrechnung: 30 % Fahrzeitanteil bei 5 Helfern
Modellbetrieb: 5 Helfer à 20 Std./Woche, gemischtes Stadt-Umland-Gebiet, 30 % der bezahlten Zeit sind Fahr- und Wegezeit.
- Bezahlte Arbeitszeit 5 Helfer à 20 Std./Woche × 4,345 Wochen/Monat
- 434,50 Std.
- davon Fahr- und Wegezeit (30 %)
- 130,35 Std.
- Lohnkosten je Stunde 15,00 € Stundenlohn + 22 % Lohnnebenkosten
- 18,30 €
- Lohnkosten der Fahrzeit 130,35 Std. × 18,30 €
- 2.385,41 €
- Fahrzeugkosten 5 × 120 € pauschal für Sprit, Verschleiß, Versicherung
- 600,00 €
- Fahrzeit kostet pro Monat
- 2.985,41 €
Aufs Jahr gerechnet rund 35.825 €. Alle Werte sind Annahmen eines Modellbetriebs, keine Richtwerte — rechnen Sie mit Ihren eigenen Zahlen nach.
Fast 3.000 € im Monat — mehr, als die Software, das Büro und die Fahrzeuge dieses Betriebs zusammen kosten. Ganz auf null bringen Sie Fahrzeit nie: Drückt derselbe Betrieb den Fahrzeitanteil von 30 % auf 20 %, werden 43,45 Stunden pro Monat zu Einsatzzeit — bei 35 € Stundensatz bis zu 1.520,75 € mehr Umsatz mit derselben Lohnsumme. Wie sich Stundensatz, Löhne und Fixkosten insgesamt zur Marge verrechnen, zeigt die Kalkulation im Gründungs-Ratgeber mit interaktivem Rechner.
Produktive Quote: der Gewinnhebel
Die zentrale Steuergröße heißt produktive Quote: abrechenbare Einsatzstunden geteilt durch bezahlte Arbeitsstunden. Sie bündelt alles, was zwischen Lohn und Umsatz steht — Fahrzeit, Leerlauf, Ausfälle. Im Modellbetrieb von oben (7.951,35 € Lohnsumme + 600 € Fahrzeuge + 1.800 € Fixkosten = 10.351,35 € Gesamtkosten, Stundensatz 35 €) entscheidet sie allein über Gewinn oder Verlust:
Gleiches Team, gleiche Lohnsumme
60 % produktive Quote Monatsergebnis: −1.227 €
9.125 €
65 % produktive Quote Monatsergebnis: −466 €
9.885 €
70 % produktive Quote Monatsergebnis: +294 € — knapp über Break-even
10.645 €
75 % produktive Quote Monatsergebnis: +1.054 €
11.406 €
Monatsumsatz des Modellbetriebs je produktiver Quote. Erst ab gut 68 % arbeitet er kostendeckend — zwischen 60 % und 75 % liegen 2.281 € Ergebnisunterschied pro Monat.
Modellrechnung mit den Annahmen aus der Musterrechnung oben · Stand 07/2026
Der Unterschied zwischen einem Betrieb, der Monat für Monat Geld verliert, und einem gesunden liegt hier nicht am Stundensatz oder an den Löhnen — beide sind identisch. Er liegt in 15 Prozentpunkten Quote, und die entstehen fast vollständig in der Tourenplanung. Für Ihre eigene Kalkulation: Businessplan für den Betreuungsdienst.
Drei Cluster-Strategien
1. Stadtteil-Touren: das Gebiet bestimmt die Tour
Teilen Sie Ihr Einzugsgebiet in Gebiete — Stadtteile, Postleitzahlbezirke, Ortschaften — und ordnen Sie jeder Betreuungskraft ein bis zwei davon zu. Eine Tour arbeitet dann Straßenzug für Straßenzug, statt quer durch die Stadt zu springen. Die entscheidende Disziplin liegt in der Klientenaufnahme: Passt der neue Klient in ein bestehendes Gebiet? Wenn nicht, ist die Antwort manchmal eine Warteliste — oder die bewusste Entscheidung, mit mehreren Anfragen aus derselben Ecke ein neues Cluster zu eröffnen.
2. Stammtouren: dieselbe Kraft, derselbe Wochentag
Planen Sie wiederkehrende Einsätze als Serie: dieselbe Betreuungskraft, derselbe Wochentag, dieselbe Reihenfolge. Das spart Disposition, und die Kontinuität ist selbst ein Qualitätsmerkmal — gerade bei Klienten mit Demenz zählt das vertraute Gesicht. Jede Stammtour bekommt zusätzlich eine benannte Vertretung, die die Klienten bereits kennt; sonst wird jeder Krankheitstag zur Telefonkette.
3. Zeitfenster statt Uhrzeiten verkaufen
Vereinbaren Sie mit Klienten Korridore („dienstags vormittags“) statt fester Uhrzeiten und reservieren Sie exakte Termine für echte Muss-Zeiten wie Arztbegleitungen oder Mahlzeiten. Jeder unnötige Fixpunkt zwingt die Tour in eine Reihenfolge, die geografisch keinen Sinn ergibt — je mehr Spielraum, desto kürzer die Wege. Was das an einem einzigen Dienst ausmacht:
Ein Dienst, zwei Touren
Zickzack quer durch die Stadt 4,0 von 6,0 Std. beim Klienten
67 %
Geclusterte Stadtteil-Tour 4,75 von 6,0 Std. beim Klienten
79 %
Derselbe 6-Stunden-Dienst einer Betreuungskraft: Die geclusterte Stadtteil-Tour spart 45 Fahrminuten — knapp eine zusätzliche Einsatzstunde beim Klienten, jeden Tag.
Beispielrechnung · Anteile = produktive Einsatzzeit je Dienst
Mit realen Nebenbedingungen planen
Auf dem Papier ist Tourenplanung ein Rechenproblem — im Alltag scheitern Routen an Nebenbedingungen, die in keiner Karte stehen:
- Klientenwünsche binden: feste Bezugsperson, Sprache, manchmal das Geschlecht der Betreuungskraft. Diese Wünsche schlagen das Kilometer-Optimum — ein Klient, der die dritte fremde Kraft in vier Wochen sieht, kündigt.
- Schlüssel und Zugang: Wer hat den Wohnungsschlüssel, wie lautet der Code des Schlüsseltresors, funktioniert die Klingel? Eine Vertretung ohne dokumentierten Zugang scheitert vor der Haustür — der Einsatz fällt aus, abgerechnet wird nichts.
- Wegezeiten von Tür zu Tür: Die Karten-App misst Bordstein zu Bordstein. Real kommen Parkplatzsuche, Fußweg, Treppenhaus und das Übergabegespräch dazu — aus 10 Minuten laut Karte werden schnell 20. Nutzen Sie die dokumentierten Ist-Zeiten Ihrer Einsätze statt Schätzwerte.
Damit eine Vertretung eine Tour ohne Rückfragen übernehmen kann, gehört zu jedem Klienten eine gepflegte Planungsakte:
Checkliste
Planungsakte je Klient
-
Zeitfenster und echte Muss-Zeiten
z. B. „dienstags vormittags“ statt „9:00 Uhr“ — Fixpunkte nur, wo nötig
-
Schlüssel und Zugang
Wohnungsschlüssel, Tresor-Code, defekte Klingel, Hintereingang, Nachbar
-
Wünsche und Besonderheiten
feste Bezugsperson, Sprache, Demenz, Haustier
-
Reale Wegezeit zu den Nachbarklienten
Tür zu Tür inklusive Parken und Fußweg, nicht laut Karte
-
Benannte Vertretung
eine zweite Kraft, die Klient und Tour bereits kennt
-
Leistungsumfang laut Vereinbarung
was gehört in den Einsatz — und was ausdrücklich nicht
Tour planen in 5 Schritten
Ob mit Tabelle oder mit Software — eine tragfähige Tour entsteht immer in derselben Reihenfolge:
-
Einsätze und Zeitfenster erfassen
Alle wiederkehrenden Einsätze mit Adresse, Dauer und Zeitfenster sammeln. Nur echte Muss-Zeiten fix setzen — je weniger Fixpunkte, desto besser lässt sich die Tour optimieren.
-
Klienten geografisch clustern
Klienten nach Stadtteil oder Gebiet bündeln, sodass eine Tour Straßenzug für Straßenzug arbeitet. Neue Klienten nur aufnehmen, wenn sie in ein Gebiet passen — oder bewusst ein neues Cluster eröffnen.
-
Stammtour vor Kilometer-Optimum
Jedem Gebiet eine feste Betreuungskraft zuordnen — Qualifikation, Sprache und Klientenwunsch eingeplant. Kontinuität schlägt das rein rechnerische Kilometer-Optimum.
-
Wegezeiten von Tür zu Tür einrechnen
Reale Zeiten ansetzen: Parken, Fußweg, Übergabe. Zwischen zwei Einsätzen gehört neben der Fahrt ein Puffer — zu enge Touren kippen beim ersten Stau.
-
Tour ausgeben, dokumentieren, nachsteuern
Die Tour aufs Handy der Betreuungskraft geben, Leistungen direkt beim Klienten dokumentieren und die tatsächlichen Zeiten zurück in die Planung spielen.
Digital vs. manuell planen
Mit einer Handvoll Klienten funktionieren Excel, Whiteboard oder Papierkalender — und für den Start ist das völlig legitim. Die Grenzen zeigen sich, sobald mehrere Betreuungskräfte, wechselnde Verfügbarkeiten und kurzfristige Ausfälle zusammenkommen:
Was für Tabelle & Whiteboard spricht
- Keine Kosten oder Einarbeitung — sofort startklar
- Volle Kontrolle, jede Sonderlocke abbildbar
- Für 1–2 Kräfte mit festen Stammtouren völlig ausreichend
Wo es bricht
- Jede Änderung von Hand, jede Kraft einzeln informieren
- Keine Warnung bei Konflikten mit Verfügbarkeit oder Urlaub
- Fahrzeitanteil und produktive Quote bleiben unsichtbar
- Leistungen werden für die Abrechnung ein zweites Mal erfasst
Digitale Tourenplanung dreht das um: Adresse, Zeitfenster, Qualifikation und Verfügbarkeit stecken im System, Konflikte werden beim Planen markiert, die Betreuungskraft sieht ihre Tour aufs Handy — und aus dem dokumentierten Einsatz entstehen Leistungsnachweis und Abrechnung ohne zweite Erfassung.
So sieht das in Aldor aus
Aldor · Tourenplan
scheduling/tours/2026-04-30Frau Becker
Hauswirtschaft
Herr Schulz
Begleitung
Familie W.
Betreuung
Frau M.
Hauswirtschaft
Herr P.
Spaziergang
Frau B.
Betreuung
Familie W.
Hauswirtschaft
Herr T.
Einkauf
Frau M.
Gespräch
Frau Becker
Betreuung
Herr S.
Hauswirtschaft
Frau K.
Gespräch
Lotte schlägt vor
Lara hat um 14:00 einen Konflikt: zwei Einsätze überlappen sich. Wenn Sie Frau Becker auf 14:30 verschieben, passt es — Karin hätte um 14:00 noch einen freien Slot und ist als Vertretung qualifiziert.
Aus Tour, Qualifikationen und Helfer-Verfügbarkeit.
Die Tourenplanung in Aldor — Demo-Ansicht mit Beispieldaten. Jede Zeile eine Betreuungskraft, jede Karte ein Einsatz; Konflikte werden direkt im Plan markiert.
Kennzahlen für die Disposition
Gute Touren erkennt man nicht am Bauchgefühl, sondern an fünf Zahlen. Prüfen Sie sie wöchentlich — sie zeigen Fehlentwicklungen Monate, bevor sie im Jahresabschluss auftauchen:
| Kennzahl | So berechnet | Zielrichtung | Warnsignal |
|---|---|---|---|
| Produktive Quote | abrechenbare Einsatzstunden ÷ bezahlte Stunden | 70–80 % sind mit guter Tourenplanung realistisch | unter ≈ 68 % fährt der Modellbetrieb Verlust |
| Fahrzeitanteil | Fahr- und Wegezeit ÷ bezahlte Stunden | sinkend — je kompakter die Gebiete, desto niedriger | dauerhaft über 30 % |
| Kilometer je Einsatz | Monatskilometer ÷ Zahl der Einsätze | sinkend bei wachsendem Klientenstamm | steigt, obwohl kein neues Gebiet dazukam — Touren zerfasern |
| Einsätze je Kraft und Tag | Einsätze ÷ eingesetzte Kräfte | steigt mit besserer Bündelung bei gleicher Arbeitszeit | sinkt nach jeder Neuaufnahme — neue Klienten passen nicht zu den Touren |
| Kurzfristige Umplanungen je Woche | verschobene oder neu besetzte Einsätze zählen | so niedrig wie möglich | Häufung — Puffer zu eng oder Verfügbarkeiten ungepflegt |
Voraussetzung für all das sind saubere Ist-Zeiten: Wer Einsätze nur plant, aber nicht mobil dokumentiert, kennt weder Fahrzeitanteil noch produktive Quote. Und vergessen Sie die weiche Seite nicht — Touren ohne Hetze und mit festen Bezugspersonen halten auch Ihre Betreuungskräfte im Betrieb. Fluktuation kostet mehr, als auf einem Tourenplan sichtbar wird.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Dienstplan und Tourenplan?
Welcher Fahrzeitanteil ist in der Alltagshilfe normal?
Wird die Fahrzeit meiner Betreuungskräfte vergütet?
Kann ich Fahrzeit dem Klienten oder der Pflegekasse in Rechnung stellen?
Brauche ich für die Tourenplanung eine spezielle Software?
Wie plane ich Vertretungen bei kurzfristigen Ausfällen?
Quellen
- § 45a SGB XI — Angebote zur Unterstützung im Alltag (Gesetze im Internet)
- § 45b SGB XI — Entlastungsbetrag (Gesetze im Internet)
- § 2 ArbZG — Begriff der Arbeitszeit (Gesetze im Internet)
- EuGH, Urteil vom 10.09.2015, Rs. C-266/14 („Tyco“) — Wegezeiten bei Arbeitnehmern ohne festen Arbeitsort (EUR-Lex)
- BMAS — Mindestlohn steigt zum 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro
Über den Autor
Mitgründer · Geschäftsführer
Mitgründer und Geschäftsführer von Aldor. Schreibt hier über Software für die Alltagshilfe, Vergleiche und einen gut organisierten Betrieb.
Profil ansehenDieser Beitrag gibt den Stand vom 2. Juli 2026 wieder und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Gesetzliche Beträge und Regelungen ändern sich — im Zweifel gilt die Auskunft der Pflegekasse oder der zuständigen Landesbehörde.
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